mwolter2022DIE GEFÄHRLICHSTEN ERLEBNISSE MEINER MALLORCA UMRUNDUNG
Mallorca wirkt von außen oft wie eine entspannte Urlaubsinsel. Strände, Sonne, kleine Häfen, Tapas und Postkartenmotive.
Wer allerdings versucht, Mallorca möglichst küstennah zu Fuß zu umrunden, erlebt schnell eine andere Seite der Insel.
Denn zwischen den schönen Badebuchten liegen auch steile Küsten, blockierte Wege, Privatgrundstücke, scharfkantige Felsen, unübersichtliche Trails, Militärgebiete, plötzlich endende Pfade und Abschnitte, auf denen Fehler ernsthafte Konsequenzen haben können.
Die Mallorca Umrundung ist deshalb kein romantischer Spaziergang um die Insel.
Viele Etappen waren wunderschön. Einige waren anstrengend. Und ein paar würde ich heute deutlich vorsichtiger angehen.
MAN KANN SICH NICHT PERFEKT VORBEREITEN
Das Problem ist: Viele Küstenabschnitte wirken auf Fotos harmloser, als sie tatsächlich sind. Man kann Satellitenbilder auswerten. Man kann sich aber noch so gut vorbereiten und versuchen das richtige Schuhwerk zu wählen. Vor Ort muß wird man dann doch mit anderen Begebenheiten überrascht.
Oftmals waren meine Laufschuhe völlig ungeeignet, ich hätte besser Trailschuhe gebraucht. Aber das ist auch keine universelle Lösung, weil sie an Stränden unnötig Kraft kosten und auf den porösen Felsen am Wasser die Verletzungsgefahr erheblich erhöhen. Auf glatten Felsen taugen sie aber auch nur bedingt. Aber ich kann ich nicht bei jeder Etappe mehrere Schuhe mitnehmen. Ich bin ja nicht Imelda Marcos.
Wanderstöcke – im Rucksack behindern sie Dich. Aber an vielen Abhängen wären sie extrem hilfreich gewesen.
Unterwegs mal Schwimmen, weil es direkt am Wasser sonst nicht weitergeht. Das kannst Du nicht einplanen.
Nördlich von Port Soller habe ich bei zwei Anläufen abgebrochen, weil ich einfach keinen Weg gefunden habe.
Bei Banyalbufar habe ich viel Zeit verloren, weil ich direkt am Wasser zu langsam voran kam.
Am selben Tag rutschte ich in eine Spalte und brauchte lange, um mich zu befreien. Mobilfunkempfang hatte ich dort leider nicht.
Dann war der Trinkrucksack leer, es war heiß und und ich hatte noch einen Aufstieg nach George Sand zu bewältigen. Oben angekommen konnte ich die Etappe nicht beenden, weil es keine Taxen gab.
Das gleiche in Calles de Mallorca. Der Ort war tot. Keine Taxen am Samstag nachmittag. Das sagt Dir keiner vorher.
MALLORCA IST NICHT DURCHGÄNGIG BEGEHBAR
Eine wichtige Erkenntnis meiner Mallorca-Umrundung:
Mallorca lässt sich nicht einfach wie ein Rundwanderweg an der Küste ablaufen.
Zumindest nicht, wenn man wirklich möglichst nah an der Küstenlinie bleiben möchte.
Das spanische Küstenrecht auf Mallorca trägt seinen Teil dazu bei. Ich war sehr häufig verunsichert, ob ich weitergehen sollte. Wenn es Beschilderungen gab, dass es Privatgrundstücke seien. Oder gar militärische Sperrgebiete. Ich stand auch vor verschlossenen Toren, wo eigentlich ein Weg lang führen sollte und es die Strecke auch auf der Heatmap gab.
Es gibt:
- gesperrte Wege
- militärische Sperrgebiete
- unzugängliche Steilküsten
- eingestürzte Pfade
- wegloses Gelände
- extrem steinige Abschnitte
- Küsten, die nur mit Klettererfahrung sinnvoll wären
Man muss also immer wieder improvisieren. Und wenn man improvisiert entstehen oft die gefährlichsten Situationen.
EL TORO – MILITÄRISCHES SPERRGEBIET
2018. Etappe von Paguera bis Sol de Mallorca.
Ich hatte vorher nicht ausreichend recherchiert. Ich wollte bis Sol de Mallorca laufen und hatte mir die Route anhand von Satellitenbildern grob ausgedacht. Und dann stand ich plötzlich von einem Zaun. Und überall waren Schilder mit der Aufschrift „Zona Militar“.
Also blieb ich außerhalb des Zauns. Auf der anderen Seite des Zauns war ein geschotterter Weg, den ich neidvoll betrachtete, während ich mich durch die Natur arbeitete. Ich geriet in eine Schlucht. Die Wegsuche wurde immer komplizierter. Kein Mobilfunkempfang. Viele Bäume. Der Tag war bewölkt, ich konnte mich also auch nicht an der Sonne orientieren. Die Verzweiflung war groß, als ich dann nicht mehr wusste in welche Richtung ich weiterlaufen sollte. Also versuchte ich mich durch die Schlucht zu arbeiten. Aber umgefallene Bäume und Geröll versperrten mir immer wieder den Weg. Also kletterte ich hinauf. Aber angekommen hatte ich wieder Mobilfunk. Ich konnte mich wieder orientieren. Irgendwann fand ich den Zaun und den Schotterweg dahinter wieder.
Und dann war da ein Loch im Zaun. Also nutzte ich den Zaun und versuchte mich so diskret wie möglich auf dem Schotterweg fortzubewegen. Mein Trinkrucksack war inzwischen leer. Ich kam dann irgendwann an der Cala Figuera aus dem Sperrgebiet wieder heraus und lief über Portals Vells weiter bis Sol de Mallorca. Dort kam ich erschöpft, dehydriert und mit zerrissenen Klamotten an.
Als ich meinen Eltern davon erzählte sagten sie mir, sie würden das Gebiet kennen, sie waren dort auch schonmal. Das Sperrgebiet sei inzwischen aufgegeben.
Schönen Dank auch… Ich hätte also entlang der Küste, oder zumindest den geschotterten Weg gehen können. Also war klar. Da muß ich nochmal hin. Was dabei geschah – im nächsten Absatz.
EL TORO – PLÖTZLICH GAB ES KEINEN WEG MEHR
Eine der unangenehmsten Situationen hatte ich wieder im militärischen Sperrgebiet rund um El Toro. Ich nahm einen zweiten Anlauf, weil ich den vorherigen Versuch so nicht auf mir sitzen lassen wollte. Ich ging gezielt in das ehemalige Sperrgebiet, bis herunter zur Illa de Toro. Das war im Mai 2019. Ich nannte das die Bonusetappe Illa del Toro
Von dort aus dann direkt an der Küste entlang. Das nennt sich dort Sa Cala de S`Art. Dort geriet ich an einem Hang plötzlich in eine Situation, in der ich weder sinnvoll vorwärts noch rückwärts kam.
Ich rutschte mehrfach ab und fand mich direkt an der Abbruchkante wieder. Ich fand keinen Halt auf dem sandig-rutschigen Untergrund. Wieder kein Mobilfunkempfang. Ich musste ein paar Minuten Kraft und Mut sammeln und versuchte dann langsam zurück zu kommen. Dann fand ich einen abgebrochenen Wanderstock. Der war meine Rettung.
Das Problem an solchen Stellen ist nicht unbedingt die sportliche Belastung. Wenn man alleine unterwegs ist, wird ein kleiner Fehler plötzlich ernst. Lose Steine, Dornen, steile Hänge oder abrutschender Untergrund reichen aus.
Und genau dort merkt man, wie schnell aus einer schönen Küstenwanderung ein echtes Risiko werden kann. Heute würde ich solche Passagen deutlich defensiver angehen.
Inzwischen komme ich hierher (in des ehemalige Sperrgebiet von El Toro) sehr regelmäßig. Die Landschaft ist großartig und es gibt immer wieder etwas zu erkunden.
CAP VERMELL – STURZ BEIM ABSTIEG NACH CANYAMEL
2021 im Februar, auf der Etappe „Canyamel“ ein Sturz mit Folgen. Am Cap Vermell wurde mir nochmals bewusst, wie gefährlich sandige Abhänge mit lockeren Steinen auf Mallorca sein können.
Ich stürzte dort relativ heftig und purzelte etliche Meter den Hing herunter. Ich hätte mit dem Kopf auf einen Stein aufschlagen können. Dann könntest Du diesen Bericht nicht lesen. Zum Glück habe ich mir nur den Meniskus gerissen und konnte weiter gehen. Ein paar Monate später musste ich aber operiert werden.
Wenn man alleine unterwegs ist, wird selbst eine kleinere Verletzung schnell problematisch. Vor allem, wenn man mehrere Kilometer vom nächsten Ort entfernt ist.
CALÓ DES MORO – SPEKTAKULÄR, ABER VÖLLIG ÜBERLAUFEN
Die Gegend rund um die Caló des Moro gehört zu den spektakulärsten Abschnitten Mallorcas.
Auch dort hatte ich 2019 einen heftigeren Sturz, an einem Abhang. Es war eine der längeren Etappen, von Colonia San Jordi bis Cala Figuera mit etwas über 34 Kilometern. Ich war erschöpft und unkonzentriert und wollte den Menschenmassen ausweichen. Das Problem ist aber nicht immer die Länge der Strecke.
Es war vielmehr die Kombination aus:
- Erschöpfung
- Felsen
- Konzentration
- Menschenmassen
- engem Gelände
- rutschigem Untergrund
Ergebnis: Eine Bänderdehnung, war die Folge und wohl auch ein Schaden am Meniskus, wie sich erst später herausstellte.
CAP FERRUTX – EIN TRAIL, DEN ICH KEINEM EINZELGÄNGER EMPFEHLEN WÜRDE
Der Abschnitt rund um Cap Ferrutx (Etappe X-20) gehört landschaftlich zu den beeindruckendsten Teilen meiner Mallorca-Umrundung. Das war im Januar 2022.
Aber genau dort habe ich auch einen Trail gewählt, den ich heute keinem Einzelgänger leichtfertig empfehlen würde.
Das Gelände war unübersichtlich, steinig und teilweise ein sehr schmaler Pfad, an einer Steilwand. Hinzu kam. KEIN Mobilfunkempfang auf einem Abschnitt, wo die Heatmap nur sehr blass war.
Das ist landschaftlich großartig. Aber wenn etwas passiert, ist man dort unter Umständen lange auf sich allein gestellt. Oder liegt im schlimmsten Fall tagelang verletzt herum.
Beim späteren Abstieg fiel mein iPhone ein paar meter tief in einen Torrent. Kaum Sachschaden, aber es zu retten war sehr aufwändig. Dennoch ich musste das tun, denn damit navigierte ich schließlich. Ohne das iPhone wäre es schwierig geworden.
DUNKELHEIT
Einmal, am Pas Vermell wurde es schneller dunkel, als ich erwartet habe. Das war eine nicht dokumentiere Bonusteppe.
Aber das Gelände wäre völlig ungeeignet gewesen, um im Dunkeln weiter zu gehen. Verbring mal eine Nacht im Februar an einem Abhang. Aber Du kannst auch nicht immer ein Zelt oder eine Decke mit Dir herumschleppen. Nach diesem Erlebnis hatte ich zumindest immer eine Kopflampe und eine Powerbank dabei.
PRIVATGRUNDSTÜCKE – DAS UNSICHTBARE PROBLEM
Oft habe ich unterschätzt, wie stark Mallorca an manchen Küstenabschnitten privatisiert ist.
Besonders problematisch wird das:
- auf großen Fincagrundstücken
- an Jagdgebieten
- in Küstenabschnitten mit Luxusimmobilien
- an älteren Wegen ohne klare Wegerechte
Mehrfach musste ich Umwege laufen oder komplette Routen abbrechen.
Teilweise stand man plötzlich vor:
- verschlossenen Toren
- Zäunen
- aggressiven Warnschildern
- Hunden
- Sicherheitsdiensten
Genau dadurch wird eine Mallorca-Umrundung oft komplizierter, als man zunächst denkt. Das spanische Küstenrecht auf Mallorca trägt seinen Teil dazu bei.
HITZE UND WASSER SIND EIN GRÖSSERES PROBLEM ALS DIE STRECKE
Die eigentliche Gefahr auf Mallorca ist oft nicht die Strecke selbst.
Sondern die Kombination aus Sonne, Hitze, fehlendem Wasser und langen Distanzen ohne Infrastruktur.
Gerade im Sommer wird das schnell unterschätzt. Mehrfach musste ich Touren abbrechen oder deutlich langsamer laufen als geplant. Einige Male war mein Trinkrucksack trocken wie ein Martini. Es gab aber auch Etappen, da nahm ich zwei Liter Wasser wieder mit nach Hause. Weil das Volumen des Rucksacks begrenzt ist, wird dessen Bestückung häufig zum Vabanquespiel.
Aber es ist generell nicht die beste Idee auf Mallorca im Hochsommer stundenlang mit Gepäck an der Küste entlangzulaufen.
KNIE, ÜBERLASTUNG, TRAININGSRÜCKSTAND, UNTERZUCKERUNG
Die größte Herausforderung meiner Mallorca-Umrundung war langfristig wahrscheinlich nicht die Insel. Sondern mein eigener Körper. Meniskusprobleme, Kreuzbandriss, Überlastungen / Krämpfe. Dadurch hat sich auch mein Blick auf das Projekt verändert.
Früher wollte ich möglichst schnell vorankommen. Heute geht es mir deutlich stärker darum, die Insel bewusst zu erleben. Und Risiken vernünftig einzuschätzen.
WÜRDE ICH MALLORCA NOCHMAL UMRUNDEN?
Ja. Aber anders. Nicht mehr mit dem Gedanken, möglichst schnell voranzukommen.
Nicht mehr mit dem Ehrgeiz eines Läufers.
Sondern deutlich ruhiger. Die Mallorca-Umrundung hat mir gezeigt, wie unterschiedlich diese Insel wirklich ist. Und genau das macht das Projekt bis heute besonders. Man erlebt Mallorca dabei nicht nur als Urlaubsort. Sondern als echte Landschaft.
Mit schönen Orten. Mit schwierigen Orten. Mit Risiken. Mit Einsamkeit. Mit großartigen Momenten. Und manchmal eben auch mit Situationen, in denen man sich fragt, warum man eigentlich gerade dort unterwegs ist.
FAZIT
Die gefährlichsten Etappen meiner Mallorca-Umrundung waren meistens nicht die längsten. Genau deshalb würde ich niemandem empfehlen, Mallorca leichtfertig möglichst küstennah alleine umrunden zu wollen. Wenn Du das vorhast, sprich mit mir. Schreib mich über Instagram an.
Als langfristiges Projekt mit Respekt vor der Natur und vernünftiger Vorbereitung kann es allerdings eine außergewöhnliche Erfahrung sein.
MEHR ZU MEINER MALLORCA UMRUNDUNG
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